![]() ![]() |
||
|
ZWISCHEN
DEN DINGEN In der Philosophie, vor allem aber
in den Gesellschaftswissenschaften ist freilich seit einiger Zeit
ein (wieder-) erwachendes Interesse an raumbezogenen Fragestellungen
zu beobachten, das sich auf eine lange Tradition der philosophischen
Reflexion und der naturwissenschaftlichen Erforschung des Raums
berufen kann. Das Schlagwort des spatial turn[6]
bezeichnet hier die Einsicht, dass Räume sich nicht darin
erschöpfen, als unsichtbare Abstandhalter oder Behältnisse den
wahrnehmbaren Objekten eine neutrale Umgebung zur Verfügung zu
stellen. Räume werden vielmehr zunehmend als selbst
bedeutungstragende und bedeutungsgenerierende Kontexte aufgefasst,
die die Dinge einhegen, ihnen Grenzen geben und dabei Distanzen und
Beziehungen einrichten, über die sich das solcherart Abgeteilte und
wieder Verbundene überhaupt erst definieren lässt. Umgekehrt sind
auch diese Räume nicht als stabile, voraussetzungslos vorhandene
und beliebig befüllbare Gefäße zu verstehen, sondern als
spezifisch gestimmte Umgebungen, die von ihren Betrachtern oder
Benutzern stets neu hergestellt werden müssen. Diese Sicht auf den
Raum, der es weniger um esoterisches Raunen denn um die Arbeit an
konkreten Raumphänomenen zu tun ist, befindet sich heute in der
Philosophie, der Soziologie, der Geographie, der Politik- oder der
Kulturwissenschaft auf gutem Weg, sich als fachlicher common
sense zu etablieren; zahlreiche Einzelfallstudien, Forschungsprojekte
und Symposien[7],
aber auch eine anschwellende Reihe einschlägiger
Sammelpublikationen belegen diese Tendenz.[8] Die Reaktionen der Kunstgeschichte auf den ‚spatial turn‘ indes sind vergleichsweise verhalten – sei es, weil es das Verhältnis zwischen den oft nur metaphorischen (sozialen, politischen, virtuellen) Räumen der Gesellschaftswissenschaften und den konkreten Räumen der Kunst erst zu klären gilt, sei es, weil man noch mit der Verarbeitung des letzten, des ‚iconic turns‘ beschäftigt ist. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass die kunsttheoretische Rezeption neuerer sozialwissenschaftlicher Raumvorstellungen zunächst dort eingesetzt hat, wo man es ohnehin weniger mit faktischen denn mit fiktiven, imaginären, psychischen Räumen zu tun hat: in der Literatur, in der Musik, im Film, im Theater.[9] Der geringste Widerhall ist ausgerechnet dort zu verzeichnen, wo man die intensivste Beschäftigung mit dem Raum vermuten sollte: in der Geschichte der plastischen Künste nämlich, die ja seit Lessings Laokoon (gemeinsam mit der Malerei) explizit als Raumkünste in die Wissenschaft eingeführt sind. Wie sehr auch die
kunstgeschichtliche Forschung von Raummodellen der
Nachbardisziplinen profitieren könnte, zeigt schon ein kurzer Blick
auf die künstlerische Produktion der Moderne und der Gegenwart, für
die ‚Raum‘ geradezu paradigmatisch geworden ist. Arbeiten im
urbanen Kontext, Installationen und Environments, Werke der Land Art
oder ephemere Duft-, Licht- und Klanglandschaften begnügen sich
nicht damit, autonome Kunstobjekte in beliebigen ‚Schachteln‘ zu
deponieren, sondern legen es geradezu darauf an, Artefakte einander
räumlich zuzuordnen, sie in einen Bezug zum räumlichen Umfeld zu
setzen oder totale Kunsträume zu schaffen, die den Betrachter
umschließen und zu einem Teil des Arrangements werden lassen. Der
‚Raum‘ der Moderne kann Binnenraum
eines Objekts ebenso sein wie ein das Objekt unmittelbar umgebender Umraum,
ein durch mehrere Objekte abgesteckter Zwischenraum,
ein durch die Ausstrahlung von Tönen, Farben und Licht oder ein
Ensemble von Gegenständen hervorgerufener
Resonanzraum oder ein das Werk einhegender musealer, städtischer und
landschaftlicher Kontextraum.
Damit treten für die Kunstwissenschaft neue Gesichtspunkte in den
Vordergrund: die Frage nach der Begrenzung und Einteilung von
Räumen, nach der Lenkung des Blicks oder der Bewegung; das Erleben
von Enge und Weite, Widerstand und Durchlässigkeit; das Erkunden
der Relation zwischen dem Werk und seinem Kontext oder zwischen dem
eigenen Körper und dem künstlerischen Raum, der ihn einfasst. Gerade für die Bildhauerei bietet es sich demnach an, die Produktion von Raum als eine besondere Art der ästhetischen Sinnstiftung zu begreifen; dies gilt umso mehr für eine nicht mehr abbildende Kunst der Moderne, die den Kanon klassischer Themen, Zeichen und Symbole zugunsten einer subjektiven Metaphorik ‚individueller Mythologien‘ (Harald Szeemann) verlassen hat. Wo mit dem Zurücktreten verbindlicher ikonographischer Programme die überkommene kunstwissenschaftliche Methodik an ihre Grenzen stößt, hilft auch die eskapistische Behauptung nicht weiter, es müsse, wenn es einem die Sprache verschlägt, wohl um das Unsagbare gehen. Der Blick auf räumliche Ordnungen der Kunst könnte einen Beitrag dazu leisten, dies vermeintlich Unaussprechliche auf Begriffe zu bringen und den Zugang zu Sinnschichten zu öffnen, die der traditionellen Hermeneutik besonders gegenüber einer nichtmimetischen Gegenwartskunst zunehmend verschlossen bleiben. Dabei liegt auf der Hand, dass sich Raumbeobachtungen nicht allein an zeitgenössischer Plastik machen lassen. Denn im Unterschied zur Malerei, die sich bis ins 20. Jahrhundert hinein als zweidimensionales Fenster zur Welt definierte, durch das man auf die Wirklichkeit hindurchsehen (per-spicere) konnte, war das Weltverhältnis der Bildhauerei ja seit jeher räumlich bestimmt: als Produktion wirklicher Dinge und wirklichen Raums (dass für die plastische Arbeit im und am Raum noch lange kein Reflexionsbegriff zur Verfügung stand, ist dabei eher ein Problem der Kunstphilosophie denn eines der Kunst, die praktisch auch jene Raumfragen zu lösen vermochte, die sie sich theoretisch noch gar nicht stellen konnte). Die Entwicklungen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert haben diese Situation nur noch verschärft. ‚Raum‘, zum spezifischen bildhauerischen Bezugsproblem herangewachsen, lässt sich aus dem ästhetischen Diskurs und der ästhetischen Praxis nicht mehr vertreiben. Eine modische, dem iconic turn
verpflichtete Kunstwissenschaft aber handelt sich damit sowohl im
Hinblick auf die Jetztzeit als auch bei der Betrachtung älterer
Kunst erhebliche Probleme ein. Zum einen ist mit einem
bildwissenschaftlichen Instrumentarium die Beschreibung affektiver
ästhetischer Erfahrung kaum möglich. Zum andern müssen
bildwissenschaftliche Modelle, die sich am Paradigma der Flächigkeit
orientieren, auch bei der historischen Analyse plastischer Kunst
ihre Zuflucht in Hilfskonstruktionen nehmen: etwa, indem sie die
Raumkunst der Moderne als ‚Ausstieg‘ aus dem statischen
Tafelbild bzw. als dessen ‚Totalisierung‘ oder ‚Verflüssigung‘
rekonstruieren und ihr, wenn auch unter negativen Vorzeichen, eine
Bindung an malerische Entwicklungslinien unterstellen. Mein
dezidiert raumästhetischer Ansatz betont dagegen, dass die
plastische Kunst der Gegenwart generell keine ‚Bilder‘ mehr
erzeugt, die ihren Sinn aus der Absonderung eines von der Realwelt
unterschiedenen Beobachtungsfeldes (oder gar aus einer mimetischen
Verweisungsfunktion) beziehen. Die Plastik in ihrem Eigen-Sinn
ernstzunehmen müsste also heißen: der Frage nachzugehen, was man
stattdessen zu sehen bekommt.
[1]
Jantzen, S. 5
|
|
|