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HISTORISCHE
RAUMTHEORIE
Raum in Philosophie und Physik Die
Annahme eines solchen relationalen Ordnungsraums lag der antiken
Philosophie noch fern. Raum war für sie selbstverständlich eine Größe,
die an Stellen der Wirklichkeit gebunden und vom Volumen konkreter Gegenstände
eingenommen und limitiert schien: etwa Platos χώρα
(chóra) als die Stätte, an der das Ideelle sich realisiert und Form
annimmt; oder der aristotelische τόπoς
(tópos), der die innere Haut eines umschließenden Körpers bezeichnet
und im Himmelsgewölbe, das alle Dinge einhüllt und jenseits von sich
weder Leere noch Raum kennt, den umfassendsten Ort und somit seine äußerste
Grenze findet.[7]
Während die mittelalterliche Scholastik weitgehend die antike Sicht
rezipierte,[8]
verlagerte sich in der Renaissance das philosophische Denken von einer Ausrichtung auf
feste Substanzen und der Frage nach dem Wesen der Dinge hin zu einer stärkeren
Beachtung der zwischen den Dingen herrschenden Verhältnisse. Parallel –
und auf lange Sicht im Gegensatz zu dieser relationalen Sicht – machte
sich aber auch die Tendenz bemerkbar, Raum nicht mehr als Ort zu
diskutieren, der wie ein Schatten einer bestimmten Sache zugehörig ist,
sondern als ein die Sachen der Welt einheitlich umfangendes Kontinuum,
ähnlich dem homogenen Fluidum des Lichts.[9]
Bei Giordano Bruno führt diese klarer akzentuierte Eigenrealität des
Raums bis zur Vorstellung, Raum behalte seine Existenz selbst dann, wenn
alle Dinge aus ihm entfernt würden; er sei das Umfassende aller Dinge,
ohne schlechthin die Leere zu sein.[10] Gleichzeitig wird Raum in
der beginnenden Neuzeit zunehmend als ausdehnbar erlebt; seine Grenzen
lassen sich verschieben – etwa über den Ozean hinweg in neue,
unbekannte Räume. Beide Aspekte, die Idee einer „von konkreten Körpern
unabhängigen, substantiellen Natur des Raums“ (Ott)[11]
wie die seiner prinzipiellen Unbegrenztheit, radikalisiert Newtons
These des absoluten Raums: als unendlicher, unbewegter, gleichförmiger
Möglichkeitsraum bietet er den neutralen Aufbewahrungsort für alles Sein
und Geschehen; als selbständige Entität existiert er ohne jede Beziehung
zu irgendetwas ihm Äußerlichem, unveränderbar und unabhängig von den
in ihm ruhenden oder sich bewegenden Körpern. Auch der leere,
kontingente Raum Newtons bleibt ein Container, allerdings einer, der ohne
begrenzende Wände gedacht werden muss. Dass Newton diesen den Sinnen
entzogenen Denkraum durch das Konzept eines relativen, metrischen
Anschauungsraums ergänzte, der durch die Beziehungen zwischen realen Körpern
einen konkreten, veränderlichen Teilraum des absoluten Raums ausbildet,
hatte für die Rezeption nur geringe Bedeutung.[12]
So richten sich denn auch die Angriffe Leibniz’
auf Newton gegen die These einer substantiellen Realität des absoluten
Raums; für Leibniz ist Raum „eine Ordnung der Existenzen im
Beisammensein“ (Leibniz 1715/16),[13] also ein reiner
Relationsbegriff, der ein virtuelles Ordnungsprinzip der Dinge in ihrer
Lage zueinander und ihrer je subjektiven Perspektive aufeinander
beschreibt. Kant
schließlich will Raum weder „als
den absoluten und unendlichen Behälter
aller möglichen Dinge“ verstanden wissen noch als „das Verhältnis
der existierenden Dinge selber,
das nach Aufhebung der Dinge vollkommen wegfiele und nur in wirklichen
Dingen denkbar sei“ (Kant 1770).[14]
Für Kant hat Raum überhaupt keine eigene Realität; er sei ein „formales
Prinzip der Sinnenwelt“, eine „notwendige Vorstellung, a priori,
die allen äußeren Anschauungen zum Grunde liegt“ (ibid.): mithin eine
intellektuelle Kategorie, die die wahrgenommene Mannigfaltigkeit der
Realität in eine gedankliche Ordnung bringt und so zur Bedingung der Möglichkeit
jeder Art von Erfahrung wird. Die
Relativitätstheorie Einsteins sabotierte endgültig
die „metaphysische[…] Konstruktion des absoluten Raums“ (Löw),[15]
indem sie nachwies, dass die Trägheitseigenschaften der Körper nicht aus
konstanten Raumqualitäten abzuleiten sind und vielmehr, gerade umgekehrt,
Masse und Energie der Körper an jedem Punkt des Raums dessen
Eigenschaften bestimmen. Als ein ebenmäßiger, von seinem Inhalt nicht
affizierter und allen Dingen vorgängiger Behälter ist Raum seitdem –
wenigstens im physikalischen Sinne – nicht mehr denkbar; wie die Zeit,
so bleibt auch er stets relativ zum Bezugssystem des Betrachters, ist also
nicht nur von den raumbildenden (und veränderlichen) Lageverhältnissen
seiner Elemente, sondern auch vom Standpunkt der Beobachtung abhängig.
Diese relationale, dynamische, konstruktivistische Bestimmung des
Raums blieb nicht ohne Folgen für die Diskussion in den Geistes- und
Sozialwissenschaften. Eine phänomenologische Philosophie wie die
Ernst Cassirers ebenso wie eine ‚Soziologie der Praxis‘ etwa Pierre Bourdieus,
die generell den heuristischen Wert einer ontologische Bestimmung
dinglicher Gegenstände bezweifeln, interessieren sich weniger für die
Frage, was Raum wesensmäßig
sei, denn dafür, wie er in
einem Prozess der symbolischen Formung oder des sozialen Handelns
produziert und sinnhaft wahrgenommen wird und welche Ordnungsleistungen
er für den Menschen erfüllt: „Raum und Zeit sind keine Substanzen,
sondern vielmehr ‚reale Relationen‘; sie haben ihre wahrhafte
Objektivität
in der ‚Wahrheit von Beziehungen‘, nicht an irgend einer absoluten
Wirklichkeit“ (Cassierer 1930).[16]
Ein solcher relational und operational argumentierender Raumbegriff, der,
statt eine Wesensschau zu betreiben, die fortlaufende „Wechselwirkung
von Raum und Eingeräumtem“[17] (Schürmann)
untersucht, hat sich in zahlreichen Disziplinen als anschlussfähig
erwiesen. Auf ihn rekurrieren die meisten Beiträge, die sich seit
Ende der 1990er-Jahre unter dem Etikett des ‚spatial turn‘ in den
Geistes- und Sozialwissenschaften mit dem Raum beschäftigen.
Raum in der Kunstwissenschaft Während
die hier nur knapp skizzierte Entwicklung philosophisch-physikalischer
Raumvorstellungen gut dokumentiert ist und auch für deren Rezeption in
benachbarten Disziplinen inzwischen umfangreiche Übersichten vorliegen,
ist die Zahl der Publikationen zum Raum in der bildenden Kunst sehr überschaubar,
in bezug auf die Raumbehandlung in der Bildhauerei sogar marginal; Veröffentlichungen
neueren Datums gibt es praktisch nicht.[18]
Raum sei, konstatiert Hartle, „weitgehend eine ästhetische terra
incognita geblieben“.[19] So ist man im
wesentlichen
auf Literatur verwiesen, die, selbst wenn sie aus dem 20. Jahrhundert
stammt, kaum die Schwelle zur Zweiten Moderne betritt; von der Expansion
der Kunst,[20]
die seit dem Ende der 1960er-Jahre auch die künstlerischen Raumbezüge
diversifiziert und radikalisiert hat, ist sie mithin gänzlich unberührt.[21]
Zudem erweisen sich viele ältere Beiträge in der Bindung ihres
Raumbegriffs an die Idee des ‚absoluten‘ Raums als nicht auf der Höhe
ihrer Zeit. „Eine überholte naturphilosophische Konzeption des Raumes
hat die kunstgeschichtliche Raumvorstellung bestimmt“,[22] beklagt Badt 1960 die
Trägheit
der kunstwissenschaftlichen Theoriebildung, deren Festhalten an einem
abstrakten Denkraum die Betrachtung konkreter Kunsträume buchstäblich
ins Leere laufen ließ und analytisch unergiebig blieb. Dem (kunst-)philosophischen
Desinteresse an realen Räumen[23]
(das Georges Bataille mit dem Vorschlag quittierte, die Philosophen doch
einmal ins Gefängnis zu sperren, „um ihnen beizubringen, was das ist,
der Raum“[24])
ist es auch zuzuschreiben, dass die Räumlichkeit der Bildhauerei lange
als geradezu kompromittierend empfunden wurde: so stellt Schelling die plastische
Kunst, da sie den Raum gewissermaßen in sich trage und daher keine allzu
große Ausdehnung gestatte, unter die Malerei und die Dichtung, in deren
illusionistischen oder fiktiven Räumen schlechthin alles unterzubringen sei; auch Hegel
verortet die immateriellen Künste Musik und Literatur über den
material-
und raumgebundenen Künsten Architektur und Plastik und weist der
Malerei eine Mittelstellung zu, insofern sie Räumlichkeit ohne
konkreten Materialeinsatz erzeuge.[25]
Selbst Lessing weiß nicht viel
anzufangen mit dem Raum an sich, außer ihn als Medium zu begreifen, das
vom Künstler wegzuarbeiten ist, um Platz zu machen für die Kunst:
„‚Raum‘ ist für Lessing zwar das entscheidende Metier der
Bildenden Künste, jedoch nur solange er in ‚Form‘ verschwindet und
nicht als häßliche Leere klafft“ (Hartle).[26] Die
Raumkonzepte, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Eingang in die
Kunstwissenschaft fanden,[27]
sind zunächst fast ausschließlich in bezug auf die Malerei,[28]
seltener auch mit Hinsicht auf die Architektur oder den Städtebau
entwickelt.[29]
In Jakob Burckhardts Cicerone
(1855) erscheinen so, auf die Malerei angewandt, erstmals Begriffe wie
‚Raumgefühl‘ oder ‚Raumdarstellung‘,[30]
während Kriterien wie ‚Weit- und Schönräumigkeit‘ später dazu
dienen, italienische und nordische Gotik voneinander abzugrenzen.[31]
Dass gerade die Bildhauerei eine Raumkunst par excellence sei, da es ihr
„um ein Gestalten von Körpern, damit um ein Realisieren des
Raums“ gehe (Albiker 1962),[32]
ist eine relativ neue (und hier von einem Bildhauer geäußerte)
Erkenntnis; typischer ist dagegen die Einschätzung Hans Jantzens (1938): „Unter den Bildkünsten ist es zunächst die
Malerei, die am sinnfälligsten eine Darstellung des Raumes der künstlerischen
oder wissenschaftlichen Betrachtung darbot. Der kunstgeschichtliche
Raumbegriff
bezieht sich daher zuerst auf das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein
oder auf das verschiedenartige Vorhandensein von räumlichen Wirkungen
in der Malerei.“[33] Fast hat es den Anschein,
‚Raum‘ sei zeitweilig zu einem modischen Ersatzbegriff für das
geworden, was zuvor unter dem Stichwort der Perspektive verhandelt worden
war[34]
(so bei Erwin Panofskys
Unterscheidung
zwischen dem antiken ‚Aggregat-‘ und dem modernen ‚Systemraum‘
[1927][35]
oder Max Raphaels klassischer
Monographie zu den Raumgestaltungen
in der kubistischen Malerei [1949][36]);
und auch in jüngeren Veröffentlichungen entpuppen sich vorgebliche
Raumfragen meist als Fragen nach einem zweidimensionalen räumlichen
Illusionismus[37] (etwa in Ernst Gombrichs
Aufsatz über die Raumwahrnehmung in
der abendländischen Kunst [1988][38]) – und das, obwohl etwa
die Materialbilder der arte povera,
die Leinwandperforationen Lucio Fontanas oder die combine
paintings Robert Rauschenbergs durchaus im Hinblick auf
dreidimensionale Räumlichkeit analysiert werden könnten. Bei
der Untersuchung skulpturaler Werke wiederum galt das Interesse der älteren
Kunstwissenschaft stets der Figur, nicht dem Raum, in den sie gestellt
war oder den sie um sich her einrichtete;[39]
während die Architektur durchaus als „Raumbildnerin“ angesprochen
wurde, fiel der Bildhauerei die Aufgabe zu, als „Körperbildnerin“ (Schmarsow 1893)[40]
den menschlichen Leib in Form zu bringen. ‚Raum‘ wurde, sofern
dieser Begriff überhaupt auftauchte, entweder mit dem Volumen des
Bildwerks identifiziert oder aber als absolute, allseitig-gleichmäßige
Umfassung der künstlerischen Substanz gedacht. In jedem Fall war die
Figur (und nicht ihr räumlicher Kontext) Träger eines über das Werk
hinausweisenden Sinngehalts, einer Bedeutung, die an der Form
lokalisiert werden konnte und immer wieder auf sie zurückverwies. Eine
solche Fokussierung auf die „‚geformte Materie‘“ verstellte jeden
Blick auf die „Möglichkeit, an der Plastik die Erfahrung eines ihr
zugehörigen Raumes zu machen“ (Boehm).[41]
Solange also die Kunst an die Figuration gebunden blieb, konnte auch in
der Kunsttheorie kaum die Frage nach den Raumbezügen der Plastik
aufkommen – eine Frage freilich, die sich mit der Lösung der
Bildhauerei von mimetischen und anthropozentrischen Konzepten heute in
aller Schärfe stellen müsste. Unter
den älteren kunstwissenschaftlichen Schriften, die sich, wenn auch sekundär,
mit dem künstlerischen Raum beschäftigen, sind vor allem Adolf von Hildebrands
Problem der Form in der bildenden
Kunst (1893) und Alois Riegls
Spätrömische Kunstindustrie (1927)[42]
wichtig geworden. Der Raumbegriff beider Abhandlungen steht noch ganz in
der Newtonschen Tradition; obwohl hier wie dort das Verhältnis zwischen
dem absoluten Raum und dem Körperraum des Werks thematisiert wird, bleibt
‚Raum‘ letztlich doch eine abstrakte und heuristisch leere Kategorie.
Für Hildebrand ähnelt „das Raumganze“ einer „Wassermasse, in die
wir Gefäße senken und dadurch Einzelvolumina abgrenzen als die
bestimmten geformten Einzelkörper, ohne die Vorstellung der
kontinuierlichen Wassermasse zu verlieren.“[43]
Die Beziehung des plastischen Werks zum Raum ist eine negative: die Figur,
eingelassen in das „kontinuierliche[…] Gesamtvolumen“[44]
einer räumlichen Unendlichkeit, definiert sich über die Verdrängung des
Raums durch das Material; die Kunst beginnt dort, wo der Raum aufhört.[45]
Ähnlich, allerdings hier wieder für der Malerei, ist bei Riegl der
Gegensatz angelegt zwischen dem undurchdringlichen, messbaren Raum, den
die konkreten Dinge einnehmen, und dem frei zwischen ihnen schwebenden,
unermesslichen Tiefenraum; ‚Raum‘ ist entweder Masse – oder ein
geheimnisvolles Nichts, das als ‚Idealraum‘ verklärt und so der
kunsthistorischen Realienkunde entzogen wird.[46]
Trotz solcher metaphysischer Tendenzen haben die Arbeiten Hildebrands und
Riegls der ästhetischen Raumdebatte aber innovative Impulse gebracht.
Relationale und operative Raumkonzepte etwa können an Hildebrands
These anschließen, es gehe der Kunst nicht allein um die Herstellung plastischer Objekte als vielmehr darum, „durch die Zusammenstellung
von Gegenständen die Vorstellung eines durch sie begrenzten
Luftvolumens zu erwecken“, eines „Luftkörper[s]“, der „nicht
als ein von außen begrenzter, sondern als ein von innen belebter“[47] existiert und nur durch
eine tatsächliche oder, wie im Tafelbild, doch wenigstens gedankliche Bewegung
des Betrachters voll erfasst werden kann. Zwar zielt diese
kinästhetische Rezeption für Hildebrand nicht auf die Sinnhaftigkeit des realen
Raums, sondern darauf, „weiter und weiter nach allen Dimensionen hin den
allgemeinen Raum“ zu durchwandern, „so daß wir an Hand solcher
Bewegungsvorstellungen das ganze Volumen oder den allgemeinen
Raum durchleben und als ein Ganzes und Lückenloses auffassen“; doch
steckt dahinter der durchaus moderne Gedanke, der Mensch trete der Welt
„nicht nur als Augengeschöpf[…] und festgebannt an einen Standpunkt
gegenüber […], sondern mit allen […] Sinnen zugleich in ewigem
Wechsel“.[48]
Die Funktion, die der Kunst zugedacht wird, ist nach wie vor eine
mimetische, insofern Hildebrand das menschliche „Raumgefühl“ als
die „elementarste Wirkung der Natur“[49] versteht und der
künstlerischen
Raumproduktion die Aufgabe zuweist, eben diese Empfindung mit
bildnerischen Mitteln hervorzurufen und die natürliche Raumerfahrung als ästhetische
Erfahrung zu reformulieren. Bemerkenswert ist aber, dass Hildebrand
die „Parallele zwischen Natur und Kunstwerk […] nicht in der
Gleichheit ihrer faktischen Erscheinungen“ sucht, sondern in der rein
operativen Analogie, „daß ihnen beiden zur Erweckung der
Raumvorstellung die gleiche Fähigkeit innewohnt“. Für den Bildhauer
oder Maler war damit allerdings der hohe Anspruch formuliert, die Qualität
seiner künstlerischen Evokation von Räumlichkeit an der Kraft der
Naturgewalten messen zu lassen: „Je stärker er den Raumgehalt, die Raumfülle im
Bild zur Anschauung bringt, je positiver durch die Erscheinung für die
Raumvorstellung gesorgt ist, zu desto stärkerem Erlebnis wird uns das
im Bilde Dargestellte, desto wesenhafter stellt sich das Bild der Natur
gegenüber.“ Während normative Vorgaben dieser Art für die
Integration des Hildebrandschen Raumkonzepts in eine
nicht-teleologisch ausgerichtete Stilgeschichte eher hinderlich sein
mussten,[50]
kommt Riegl das Verdienst zu, „den Raum als Stilproblem zu behandeln“
(Jantzen).[51] Die Einsicht, Kunst nicht
als Manifestation „einer einzigen in der Geschichte […] vorhandenen
Raumdarstellungsaufgabe“[52]
zu begreifen, deren jeweilige Bewältigung auf einer überzeitlichen
Perfektionsskala zu messen sei, erlaubte es dann etwa, Werke des
Mittelalters „auf die Art ihrer raumhaften Bildstruktur als einer
eigengesetzlichen“ hin zu untersuchen, statt sie im Unterschied
von der Renaissancemalerei „bloß durch den Mangel an Perspektive oder
durch die Abweichung von der ‚richtigen‘ Perspektive zu kennzeichnen“.[53]
Als Fortschrittserzählung jedenfalls war Kunstgeschichte seit Riegl
nicht mehr zu schreiben. Das
bei Hildebrand und Riegl ungelöste Problem, wie die Beziehung zwischen
dem Raum an sich als einem
absoluten Abstraktum und dem relativen, gewissermaßen wirklichen Um- oder
Zwischenraum des Kunstwerks zu beschreiben sei, beseitigten die stärker
phänomenologisch ausgerichteten Überlegungen der 1950er- und
1960er-Jahre, indem sie es für obsolet erklärten. In der Annahme, der
unanschauliche Absolutraum sei der Phänomenologie ohnehin nicht
zugänglich,
verabschiedeten sie sich vom Newtonschen Raumverständnis und
konzentrierten sich auf das analytisch weiterführende Verhältnis
zwischen der konkreten materiellen Form und einem ebenso konkret
gedachten Raum als dem immateriellen Produkt ästhetischer Formgebung.
Hatte die Idee des absoluten Raums mehr zu philosophischer Spekulation
herausgefordert, konnte (und musste) man sich nun an die Realien halten,
welche nach einer schärfer differenzierenden Betrachtung verlangten;
denn sind auch, wie schon Ernst Cassirer bemerkt, die Richtungen, Lagen oder Bewegungen von Körpern
im allgemeinen „Raume […] ohne Unterschied und austauschbar, an
einem Orte (der Kunst) und einer Stelle (der Wirklichkeit) sind sie nicht
vertauschbar“.[54]
Der Raum der Kunst ist, so der Bildhauer Naum Gabo, „nicht Teil des universalen Raumes, der das Objekt umgibt;
er ist ein eigenständiges Material, ein struktureller Teil des Objekts
– und zwar in dem Ausmaß, daß er die Fähigkeit hat, ein Volumen zu
vermitteln, so wie irgendein festes Material.“[55]
Neben der Konkretheit des Raums
wird – parallel zu vergleichbaren Tendenzen der Soziologie,
gesellschaftliche Phänomene nicht ontologisch-monokausal, sondern
operativ-relational zu erklären – nun auch in der Kunstwissenschaft das
Hergestelltsein des Raums und
sein wechselseitiges Abhängen
von der Dinglichkeit der Werke betont: „Volumen und Raum ergänzen
einander, der plastische Körper ist auf seine Wirkung im Raum hin
konzipiert, und der Raum wiederum wirkt in die bildnerische Konzeption der
Plastik hinein“,[56]
schreibt Hanns Theodor Flemming (1964);
und Karl Albiker (1962), auch
er Bildhauer wie Hildebrand und Gabo, ergänzt: „Durch das Bildwerk muß
der Raum ganz eigentlich erst geschaffen werden. […] Bildwerk und Raum
entstehen und bestehen so miteinander.“[57]
Das Verhaftetsein dieser und ähnlicher Positionen in einer figurativen
Tradition, die den künstlerischen Entwicklungen seit dem
Expressionismus eine sich vom Menschen entfremdende Formlosigkeit
vorwarf, beschränkt allerdings den Wert ihrer Raumkonzepte für eine
nachmimetische Kunst. Denn während das vorliegende Forschungsprojekt
von der These ausgeht, gerade der Wegfall der figürlichen Bindung habe
die Bildhauerei in noch nicht gekanntem Maß auf ihre Räumlichkeit
verwiesen, beklagten die konservativen Stimmen der 1960er-Jahre, das „bewußt
Deformierende oder Abstrakte“[58]
habe nicht nur den menschlichen Körper, sondern mit ihm auch den Raum
vernichtet; so sei „über der Form auch der Raum zum Problem geworden“.[59] Einen
Ansatz zur philosophischen Grundierung des künstlerischen Raumbegriffs
bietet etwa zur selben Zeit (1969) Martin Heideggers
kleine Schrift Die Kunst und der
Raum, die sich explizit „auf die bildende Kunst und innerhalb ihrer
auf die Plastik“ beschränkt.[60]
Heidegger fasst das plastische Werk als „geschlossenes,
durchbrochenes“ oder „leeres Volumen“ auf und skizziert daran
anschließend drei unterschiedliche Raumtypen, die am skulpturalen
Gegenstand der Untersuchung zugänglich sind: den Umraum
als den „Raum, innerhalb dessen das plastische Gebilde wie ein
vorhandener Gegenstand vorgefunden werden kann“, den Masseraum
des Werks als den „Raum, den die Volumen der Figur umschließen“,
und den Zwischenraum eines Kunstobjekts oder mehrerer Objekte zueinander
als den „Raum, der als Leere zwischen den Volumen besteht“.[61]
Ein jeder künstlerischer Raum entfaltet sich erst durch die
raumschaffende ästhetische Praxis, nicht als „Auseinandersetzung
mit dem [schon vorhandenen] Raum“ oder gar als „Besitzergreifung des
Raumes“;[62]
er wird also nicht als eine der Kunst vorgängige, absolute Einheit
konzipiert, als eine Art unendlicher Kontinent, der von einem äußeren
Punkt aus bezogen, erobert, abgegrenzt und eingeteilt werden könne.
Vielmehr ist die Arbeit am plastischen Werk (und man könnte vielleicht
ergänzen: auch dessen Betrachtung) als ein von innen her gedachtes „Räumen“
angelegt, und dies meint: „roden, die Wildnis freimachen. […] Räumen
ist Freigabe von Orten“[63]
und „öffnet jeweils eine Gegend, indem [… der Ort] die Dinge auf das
Zusammengehören in ihr versammelt.“[64]
Die Genese von ‚Raum‘ und das Einräumen von Orten werden bei
Heidegger als reziproker, emergenter Prozess verstanden: Räume werden in actu und relational hergestellt – durch die wechselseitige
Beziehung konkreter Dinge und der Orte, die sie markieren, zueinander
–, geben aber ihrerseits der Raumpraxis ihre ästhetische Qualität.
So sind Orte nicht allein „das Ergebnis und die Folge des Einräumens“,
sondern es „empfängt das Einräumen sein Eigentümliches“
umgekehrt aus „der Gründung von Ortschaft“, aus dem „Zusammenspiel
von Orten“. Plastik ist mithin das Versammeln von Dingen und der durch
sie gebildeten Orte zu Ortschaften, „ein verkörperndes
Ins-Werk-Bringen von Orten“,[65]
die einen Raum einräumen. Dieser ist zwar nicht als substantielle Entität
vorstellbar; in einem physikalisch-materiellen Sinne ist er leer. Als
Träger ästhetischer Bedeutung aber ist diese „Leere […] nicht
nichts. Sie ist auch kein Mangel. In der plastischen Verkörperung
spielt die Leere in der Weise des suchend-entwerfenden Stiftens von
Orten.“[66]
An dieses operative Konzept und seine Unterscheidung von Raum und Ort kann Michel de Certeau anschließen, wenn er den Ort als „eine momentane Konstellation von festen Punkten“ bezeichnet – als die Stelle also, die ein Ding einnimmt und die „einen Hinweis auf eine mögliche Stabilität“ enthält –, während der Raum als ein Ort definiert ist, dem zeitliche Praxis eingehaucht wird: „ein Ort, mit dem man etwas macht“, ein relationales, dynamisches „Geflecht von beweglichen Elementen“.[67] Nicht ganz konsistent dagegen ist die ansonsten ähnliche Terminologie in Kurt Badts Raumphantasien und Raumillusionen (1963). Anschließend an eine harsche Kritik des abstrakten Raumbegriffs bei Newton und Kant behandelt Badt systematisch die Räume der Malerei, der Plastik und der Architektur, die er als relationale Gefüge von Volumina bestimmt. Einer an historischen Fakten interessierten Kunstwissenschaft könne es nicht um einen rein philosophisch verwertbaren Absolutraum gehen, sondern nur um „die reale Erfahrung der Körper in ihren Ausdehnungen und ihren Lagen […], welche in bestimmte Zusammenhänge miteinander gebracht“[68] werden und so die künstlerischen Werke konstituieren. ‚Raum‘ ist demnach „ein relativ aufeinander bezogenes Gesamt je empirischer Orte“, die ihrerseits nicht schlichtweg vorhanden, sondern in praxi produziert werden: „Körper bilden einen Ort, sind an einem Ort, aber ‚machen‘ auch einen Ort“,[69] der „von Dingen in ihrem Bei- und Zu-einander hervorgebracht“ wird, statt einfach nur „von ihnen erfüllt“[70] zu sein. Orte sind Stellen des allgemeinen Raums, welche durch eine spezifische Konstellation ästhetischer Objekte „neue Qualitäten erhalten, die aus ihren Bezügen zu dem Ganzen entstehen“.[71] Insofern allerdings Badt, anders als Heidegger, den konkreten Ort der Kunst gegen den abstrakten Raum der (Meta-)Physik ausspielt, erweist sich der Raumbegriff als kunstwissenschaftlich letztendlich verzichtbar. Gerade für die Plastik kann Badt den ‚realen‘ Raum noch gar nicht anders denken denn als das Volumen einer individuell geformten Figur, die wieder in einen „Gegensatz zur gestaltlosen Gleichförmigkeit […] des ‚leeren‘ Raumes“[72] gestellt wird: die körperhafte „Plastik ist selbst Zentrum und Peripherie, und außer ihr ist, künstlerisch gesehen, nichts“;[73] eine „tatsächliche Raumgestaltung oder Raumbeeinflussung findet hier gar nicht statt.“[74] Und so wiederholt Badt nur die schon von Jantzen bekannte Behauptung, das „eigentliche Feld kunsthistorischer Raumanalyse“ sei „die Malerei“. Von „einem gewissen Abschluß in der Entwicklung des kunstgeschichtlichen Raumbegriffs“,[75] den bereits Jantzen erkennen wollte, kann bei diesem Stand der Dinge also wenigstens aus Sicht der Bildhauerei nicht die Rede sein. Ernst Cassirers Hoffnung, „daß gerade das Raumproblem zum Ausgangspunkt einer neuen ‚Selbstbesinnung‘ der Ästhetik werden könne“,[76] darf man also noch immer teilen – weil sie noch immer unerfüllt ist.
[1]
zur Geschichte des Raumbegriffs in Philosophie und Physik vgl.
ausführlich Jammer und Ströker sowie zusammenfassend Löw, S.
24-35 und Schroer, S. 29-46
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