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Konkrete Ästhetik
Von Repräsentation zu Präsenz: Künstlerische Forschungen zu performativen Räumen
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Differenz der Differenz
Einleitung zu: Kunstautonomien. Luhmann und Bourdieu. München, Silke-Schreiber-Verlag, 2010 (Diss. Univ. München)
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Die Arbeit wurde durch ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert und mit einem Promotionspreis der Münchner Universitätsgesellschaft ausgezeichnet. Gedruckt mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Geschwister-Böhringer-Ingelheim-Stiftung.

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Weltmaschine
Geschichte und Theorie des plastischen Raums
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Der Übergang von Repräsentation zu Präsenz kann in der Bildhauerei exemplarisch als Folge einer Autonomisierung sozialer Systeme nachgezeichnet werden. Die plastische Kunst des Mittelalters emanzipiert sich von der Architektur, indem sie sich bewusst als sinnhaltiges Bild (statt als dekoratives Ornament) inszeniert. Dieser Anlehnungskontext wird in der Neuzeit zunehmend durch den des Raums ersetzt, etwa in der figura serpentinata der Renaissance oder den multiperspektivischen Aktionsfiguren Berninis, die in der Dynamisierung von Werk und Betrachter bereits stark performative Züge tragen. An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert ist es Rodin, der endgültig den turn vom Symbolischen zum Konkreten vollzieht: wenn er ältere Plastiken fragmentiert und ihre Einzelteile zu neuen Formen zusammensetzt, sind solche Montagen keine auf die Welt referierenden Bilder mehr, sondern, wie schon Rilke bemerkte, bloße „Dinge“. Diese ästhetische Entwicklung läuft parallel zu einem Prozess gesellschaftlicher Ausdifferenzierung, der sie trägt und beschleunigt. Die Kunst bezahlt ihren Freiheitsgewinn gegenüber Politik, Religion oder Wirtschaft mit einer semantischen Überbelegung der sichtbaren Welt. Die vermeintlich kompakten, natürlichen Dinge lösen sich unter ihren Oberflächen in kontingente Bedeutungen auf, und die scheinbare Einheit des Objekts verdeckt nur noch die Vielheit des Sinns. Diese Vervielfältigung der sozialen Realität wird für die Kunst zum ernsten Problem. Weil die Zuordnung ihrer Referenzen zum referierten Objekt unsicher geworden ist, sieht sie sich mit der Frage nach der Abbildbarkeit des ‚Realen‘ konfrontiert. In der Malerei lautet die Antwort: Rückzug in die Abstraktion. Was die Kunst dann noch zeigt, ist die Demontage externer Ordnungsstrukturen – und der von innen her gelingende Aufbau eigener, ästhetischer Ordnung. Kunst wird zur Weltmaschine.

Für die Bildhauerei stellt sich die Frage schärfer. Zum einen gerät mit der Aufspaltung der menschlichen Person in eine Vielzahl sozialer Rollen das Menschenbild in eine Krise, und mit dem Glauben an die Ganzheit des ‚Individuums‘ verschwindet auch das Zutrauen in seine Darstellbarkeit. Zum andern kann die plastische Kunst als Produzentin von Gegenständen nicht einfach in die Gegenstandslosigkeit ausweichen. Das Verhältnis ihrer Objekte zur Welt muss sie erst einmal grundsätzlich neu bestimmen. Duchamp trifft diesen wunden Punkt, wenn er Kunstwerk und Alltagsding ineinsfallen lässt und so die Mimesis des Realismus ad absurdum führt. Seine readymades referieren auf nichts als sich selbst. Sie sind keine Zeichen, die vom realen Raum in einen fiktiven verweisen; sie sind, was sie sind. Sie streifen Bildlichkeit ab und ersetzen sie durch die pure Gegenwart des Objekts.

Hinter diesen Punkt kann die Bildhauerei nicht zurück. Was immer sie an fiktionaler Fremdreferenz zeigt: die Selbstreferenz auf ihre materielle Form lässt sich nicht mehr ausblenden. So stößt jede Beobachtung des Werks rekursiv auf dessen Dinglichkeit und auf den Raum, den es mit dem Beobachter teilt. Hier ist die Anschlussstelle für die Erweiterungen des Skulpturbegriffs seit den 1960er-Jahren, und es ist naheliegend, dass genau hier auch performative Praxen ansetzen können, die Dinge, Körper und Beobachter im realen Raum aufeinander beziehen.

Die Recherchen wurden 2010 – 2012 durch ein Postdocstipendium der Fritz-Thyssen-Stiftung gefördert. Forschungsaufenthalte in Rom und Florenz unterstützten die Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut für Kunstgeschichte) und die Villa Romana.




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